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10 Leitlinien des christlichen Handelns: Warum die AfD sich nicht auf christliche Werte berufen kann

Abendmahls-Szene aus Peru

Abendmahls-Szene aus Peru

Immer wieder ist in der politischen Diskussion von einer "deutschen Leitkultur" die Rede. Mit Werten aus der "christlich-abendländischen" Tradition. Die so geprägte deutsche Leitkultur soll die Orientierung für alle sein, die als Einwanderer oder Flüchtlinge zu uns kommen. So vertreten es nicht nur einige Politiker, sondern auch Pegida- und AfD-Köpfe und -Anhänger. Denen freilich geht es um eine Abgrenzung: Hier die Deutschen mit ihren "wahren" Werten, dort die anderen, die nicht hierher gehören, weil sie andere Werte vertreten. Das allerdings hat mit einer christlichen Einstellung nichts mehr zu tun.

10 biblische Leitlinien, die das Christentum ausmachen, will ich hier benennen:

1 Geschwisterlichkeit: Gott hat die Menschen in ihrer Vielfalt geschaffen. So sind alle Menschen Gottes Kinder und darum auch Geschwister. Es gibt keine überlegene "Rasse" oder Religion. Selbst Jesus hat das lernen müssen: "Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel" sagt er zunächst zu einer Ausländerin, die einer anderen Religion angehört und um Heilung für ihre Tochter bittet (Matthäus 15,24). Ihre Schlagfertigkeit und Beharrlichkeit stimmen ihn um. "Geht in die ganze Welt und verkündet die Gute Nachricht allen Menschen!" ist seine neue Position (Markus 16,15).

2 Weltoffenheit: Von vorneherein hat das Christentum sich nicht abgeschottet, sondern Einflüsse anderer Kulturen und Religionen aufgenommen und "getauft". So geht z.B. der Zeitpunkt von Weihnachten und Ostern auf nichtchristliche Feste zurück. "Prüft aber alles und das Gute behaltet." hat Paulus geraten (1.Thessalonicher 5,21).

3 Verantwortlichkeit: "Liebe den Herrn, deinen Gott, von ganzem Herzen, mit ganzem Willen und mit aller deiner Kraft und deinem ganzen Verstand! Und: Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst!" - das ist christliche Leitlinie (Lukas 10,27). Gemeint ist nicht Gefühl, sondern Handeln. Und das gilt nicht nur für Einzelpersonen. Das gesellschaftliche Handeln der Kirchen (z.B. in der Diakonie) hat dort seine Wurzel. Genauso wie Äußerungen zur politischen Situation. Das beschränkt sich nicht auf unser Land. Brot für die Welt handelt weltweit. Christen tun sich über die ganze Welt in Netzwerken zusammen, um der Welt ein gerechteres und friedlicheres Gesicht zu geben. In allen hilfsbedürftigen Menschen begegnet uns Christus: "Was ihr für einen meiner geringsten Brüder oder für eine meiner geringsten Schwestern getan habt, das habt ihr für mich getan." sagt er (Matthäus 25,40).

4 Kein Schwarz-Weiß: Wenn - wie immer wieder behauptet wird - Flüchtlinge und Ausländer kriminell sind, warum sind unsere Gefängnisse dann voll mit deutschen Mördern, Vergewaltigern und Einbrechern? Es gibt nicht hier "die Guten" und dort "die Bösen". Die Wirklichkeit ist komplizierter. Die Persönlichkeit eines Menschen ist vielschichtig. Luther sprach davon, dass jeder Christ "zugleich Gerechter und Sünder" ist. Menschen können sich verändern - hin zum Guten oder zum Bösen, jeden Tag. Deshalb kann man sie nicht starr in "gut" oder "böse" einteilen. In der Bibel folgt Gott auch nicht dem Schwarz-Weiß-Muster: Gott beschützt einen Betrüger, der seinen Bruder übervorteilt hat und segnet ihn mit vielen Kindern (Jakob). Und Paulus, der die Christen zunächst gnadenlos verfolgt, wird durch Jesu Eingreifen der wichtigste und einflussreichste Vertreter des jungen Christentums. Die Wirklichkeit lässt sich eben nicht in Schwarz oder Weiß fassen.

Daraus folgen logisch die nächsten 3 Punkte:

5 Fehlerfreundlichkeit: Gott will uns nicht perfekt. Er rechnet mit unserer Unvollkommenheit. Siehe Jakob und Paulus (dem Gott gesagt hat: "Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft vollendet sich in der Schwachheit." - 2.Korinther 12,9). Irrtümer und Sackgassen auf unserem Lebensweg sind inklusive. Wichtig ist nur, aus den Fehlern zu lernen und umzukehren. So sollen wir auch von unseren Mitmenschen keine Perfektion verlangen.

6 Selbstkritik: Sich selbst, sein eigenes Tun kritisch zu hinterfragen, gehört ebenfalls zu den christlichen Leitlinien. Der Buß- und Bettag ist im evangelischen Bereich jedes Jahr ein Anlass, das gemeinsam mit anderen zu tun.

7 Keine Verurteilung: "Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet. Denn wie ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden", warnt Jesus (Matthäus 7,1+2). Denn ich bin auf Nachsicht und Vergebung von Gott und Menschen angewiesen. Zu den Selbstgerechten hat Jesus gesagt: "Warum kümmerst du dich um den Splitter im Auge deines Bruders oder deiner Schwester und bemerkst nicht den Balken in deinem eigenen?" (Matthäus 7,3). Einander immer wieder neue Chancen zu eröffnen, gehört zu christlichem Umgang mit Mitmenschen.

8 Dialogbereitschaft: Zur christlichen Position gehört auch, das Gespräch und den Kontakt zu suchen. Und zwar nicht nur mit den Gleichgesinnten. "Geht hin in die ganze Welt": Dieser Satz Jesu schickt auch in die oft fremde Gedankenwelt anderer. Das ist Grundlage für ein demokratisches Miteinander. Das Vertrauen auf die Überzeugungskraft der Worte und der Argumente.

9 Keine Feindbilder: Martin Luther King hat sich in den 60er Jahren in Amerika für die Gleichberechtigung der "Schwarzen" eingesetzt. Dafür schlug ihm von vielen Weißen blanker Hass entgegen. Das Beispiel zeigt: Es gibt Feinde und Gegner. Er hat damals darauf nicht mit Hass und Abbruch der Beziehung reagiert, sondern ist dabei geblieben: Auch diese Feinde sind Geschwister und Kinder Gottes.

10 Gewaltlosigkeit: Gewalt und Gegengewalt verändern nichts. Sie vertiefen nur die Gräben und führen in eine Gewaltspirale. Jesus hat den provozierenden Satz gesagt: "Wenn dich jemand [verächtlich mit dem Handrücken] auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar." (Matthäus 5,39) Dass mit friedlichen Mitteln eine Veränderung erreicht werden kann, zeigen das Beispiel Martin Luther Kings und die friedlichen Montagsdemonstrationen in Leipzig vor knapp 30 Jahren, die ohne Blutvergießen zum Fall der Mauer und zur Wiedervereinigung Deutschlands geführt haben.

Engagement unserer Kirche und Diakonie für Flüchtlinge:

"Menschen wie wir"


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