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"Für ihn wird es etwas ändern"

Auf dem Meer tobte ein heftiger Sturm. Hohe Wellen brachen sich am Strand. Als der Wind nachließ, lagen am Strand unzählige Seesterne. Ein kleines Mädchen lief am Wasser entlang, nahm einen Seestern nach dem andern in die Hand und warf ihn zurück ins Meer.

Ein Spaziergänger sah es und sprach sie an: "Was du da machst, ist doch sinnlos. Schau mal: Der ganze Strand ist voll von Seesternen. Die kannst du niemals alle zurück ins Meer werfen. Was du da tust, ändert nicht das Geringste." Das Mädchen blickte ihn an. Dann nahm sie den nächsten Seestern, warf in ins Wasser und sagte: "Für ihn wird es etwas ändern!" -

"Zu viel. Das ist nicht zu schaffen." Diesen Satz des Spaziergängers hören wir oft. Dort, wo sich Menschen überfordert fühlen. "Zu viele Aufgaben. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll." "Zu viele Menschen, für die ich verantwortlich bin. Ich kann ihnen überhaupt nicht gerecht werden." Viele Politiker auf Bundes- Landes- und Kommunalebene (und viele Bundesbürger) sagen: "Zu viele Flüchtlinge. Wir schaffen es nicht, diesen Ansturm zu bewältigen." Das ist die eine Sichtweise, die diese kleine Geschichte bietet: Es ist der Blick auf das Ganze, den langen Strand entlang mit den unzähligen Seesternen. Es ist ein Blick aus der Distanz. Ein kalkulierender Blick mit der Frage: "Wie ist das zu managen?" Leicht werden die Seesterne so zur mathematischen Größe. Wenn die Aufgabe zu groß scheint, packt man sie entmutigt oft nicht an oder erklärt andere für zuständig.

Die zweite Sichtweise ist die des Mädchens: Sie geht nahe heran, schaut sich einen Seestern genau an. Er lebt noch. Er tut ihr leid und sie hilft ihm in sein Element zurück. Und weil es nicht nur einer ist, tut sie, was sie kann, um möglichst viele zu retten. Bei ihr ist es der Blick des Herzens, der nicht nach dem Ganzen fragt, sondern nach dem Lebewesen, das einem gerade begegnet.

Mir sagt diese kleine Geschichte: Ich muss nicht die ganze Welt retten. Es reicht, aufmerksam zu sein gegenüber den Menschen, die mir begegnen und für sie da zu sein, wenn sie mich brauchen. Jesus hat den Begriff "Nächster" benutzt und nicht etwa "Mitmensch".

Im Grunde sagt Jesus nichts anderes als: "Tu, was dir vor die Hände kommt. Hilf dem oder der, der oder die dir gerade begegnet. Für ihn wird es etwas ändern."

Wer weiß, vielleicht hat sich der Spaziergänger überzeugen lassen und dem Mädchen geholfen, Seesterne zu retten? Dann waren es doppelt soviele, für die sich etwas geändert hat.

Pfr. Johannes Fritzsche

(Als "Wort zum Sonntag" am 7. November 2015 in der Gießener Allgemeinen Zeitung erschienen)


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