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Grußwort von Pfrin. Beate Fritzsche beim Gala-Kommersabend

"Die Verwurzelung ist vielleicht das wichtigste und meistverkannte Bedürfnis der menschlichen Seele." (Simone Weil)

Liebe Bellersheimer Mitbürgerinnen und Mitbürger,

ich grüße im Namen des Kirchenvorstands der Ev. Kirchengemeinde.

 Mein Lieblingsplatz in Bellersheim ist – nein, nicht die erste Reihe vorne links in der Kirche – sondern: ein Platz im Gras unter der Eiche auf dem "Sturm". Es könnte sein, dass da vor Jahrhunderten die Heiligkreuzkapelle stand – aber das ist jetzt gar nicht so wichtig… Von da aus schaue ich im Frühling auf blühende Obstbäume, sehe den Sportplatz, die Dächer des Dorfes – in wie vielen Häusern wurde mir wohl schon die Tür geöffnet? - Ich sehe unseren Kirchturm… in der Ferne den Vogelsberg… Ich schaue wieder auf die blühenden Bäume und denke schon mal an den Geruch des reifen Obstes im Herbst… Ganz in der Nähe, etwas unterhalb am Hang steht jetzt eine dieser genialen großen Bänke – klasse! Trotzdem: mein Lieblingsplatz bleibt unter der Eiche mit ihrem kräftigen Stamm, der schattenspendenden Krone, zwischen Wurzeln, die so knorrig sind wie die Äste.

"Die Verwurzelung ist vielleicht das wichtigste und meistverkannte Bedürfnis der menschlichen Seele." schreibt Simone Weil, französische Philosophin und Mystikerin jüdischer Abstammung. 1943 ist sie im englischen Exil früh verstorben. "Entwurzelung ist bei weitem die gefährlichste Krankheit der menschlichen Gesellschaft." Zu diesem Ergebnis kommt Simone Weil sicher auch aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen mit Flucht und Exil.

Verwurzelt sein kann ich in Vielem: in meiner Familie, meiner Sprache, meinem Glauben, den Traditionen und Geschichten, mit denen ich groß geworden bin… Es ist heute abend schon viel von den Chancen, die ein Dorf – dieses Dorf – uns bieten kann, gesprochen worden. Die Möglichkeit der Verwurzelung gehört sicher auch dazu. Es ist gut, in Bellersheim Wurzeln zu schlagen. Das habe ich am eigenen Leib erfahren.

Allen, die schon lange hier zuhause sind – oft seit Generationen – möchte ich sagen: ihr könnt dafür sehr, sehr dankbar sein, dass ihr verwurzelt seid und niemand und nichts euch mit Gewalt aus diesem festen Boden gerissen hat! Selbstverständlich ist das nicht. Denkt an die Menschen, die als Geflüchtete oder Vertriebene nach dem Krieg hierher kamen – entwurzelt. Denkt an die jüdischen Familien, die einmal hier gelebt haben – sie wurden entwurzelt, vertrieben oder ermordet. Denkt an jahrhundertealte Dörfer, die immer noch dem Braunkohletagebau weichen müssen… Denkt an Dörfer und Städte, die von Katastrophen und Krieg verwüstet, entstellt, gar unbewohnbar gemacht werden. Wo finden Menschen da noch Halt? - Seid dankbar für den festen Grund, den ihr hier habt! Und dann denkt an die, die neu in unserem Dorf ankommen, aus welchem Anlass auch immer, und besinnt euch auf eure Möglichkeiten, diesen Menschen dabei zu helfen, dass sie sich willkommen fühlen: gesehen, gehört, anerkannt und gut aufgenommen… sodass sie dann vielleicht auch irgendwann Wurzeln schlagen können. "Verwurzelung ist das vielleicht wichtigste… Bedürfnis der menschlichen Seele."

Dieses Festjahr wird sicher einiges dazu beitragen, dass euch - uns allen - unsere Wurzeln bewusster werden. Ich sag's mal so: Die vielen verschiedenen Veranstaltungen helfen den Boden zu lockern, sodass unsere Wurzeln sich noch tiefer in die Erde strecken können und auch so, dass Andere neu hier Wurzeln  schlagen können.

Und so wünsche ich uns noch einen anregenden Abend und einen guten, fruchtbaren weiteren Verlauf unseres Jubiläumsjahres. Und freue mich auf die Menschen, die mir begegnen, wenn ich mal wieder zu meinem Lieblingsplatz unterwegs bin.

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Grußwort herunterladen (pdf):

Fotos vom Gala-Kommersabend auf der Facebookseite von Bellersheim 2015 e.V.:


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